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Ist der Linux-Desktop gescheitert? - Sicher nicht, aber...

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Miguel de Icaza, einer der Gründer des beliebten Gnome-Desktops, hat vor ein paar Wochen eine Diskussion losgetreten, die für die meisten keineswegs neu ist. Wieder einmal soll der Linux-Desktop gescheitert sein, wie er ausführlich in seinem Blog ausführt.

Award:

Dieser Artikel ist der dritte Platz des Ikhaya-Artikelwettbewerbs „Lesen ist silber, schreiben ist Gold“. Die Auszeichnung wurde an storminator überreicht.

Um es vorwegzunehmen: Meiner Meinung nach ist er das nicht, allerdings wäre es falsch, seine Kritik einfach nur oberflächlich abzuweisen und nicht nach Gründen und Verbesserungen zu suchen, damit die Herausforderungen besser als in der Vergangenheit gelöst werden können. Betrachten wir daher zunächst seine Argumente, die er anbringt.

Ständige Anpassungen der Schnittstellen und zu viele verschiedene Distributionen und Desktop-Umgebungen

Ein Punkt, der mit Sicherheit Beachtung verdient. Miguel de Icaza kritisiert 🇬🇧, dass die unterschiedlichen Desktop-Entwickler relativ schnell Schnittstellen verworfen haben, da sie sich für ein neueres und besseres Konzept entschieden haben. Viele externe Programmierer werden dadurch immer wieder vor große Probleme gestellt um ihre Programme langfristig und stabil zu entwickeln. Zudem konnten sich die Distributionen nie auf eine gemeinsame Auswahl an Kernprogrammen einigen, die gemeinsam weiterentwickelt werden, da jeder seine bevorzugte Lösung voranbringen wollte.

Meiner Meinung nach trifft er hier einen wahren Punkt. Die Anzahl an verschiedenen Distributionen und verschiedenen Abspaltungen ist bereits enorm für den recht geringen Marktanteil. Jede Distribution setzt auf eine andere Desktop-Umgebung in der Standard-Auslieferung. Egal ob Unity, GNOME, KDE, E17, XFCE, Fluxbox, Mate, Cinnamon, hier wird klar, dass eine riesige Auswahl existiert, die zum Teil auf völlig verschiedenen Bibliotheken (z.B. GTK+) oder Paketsystemen (z.B. APT, RPM) aufsetzen und zwangsläufig nicht immer abwärtskompatibel sind.

Die große Freiheit, die viele Anwender sicher auch zu Recht bevorzugen, führt hier zu einigen Problemen. Insbesondere, da Entwickler gerne ihre eigene Sicht der Dinge haben und sich weniger um Schnittstellen zu anderen Umgebungen beschäftigen können (zeitlich) oder wollen.

Das größte Problem hierbei ist vermutlich, dass es durch die Vielfalt kein wirklich einheitliches Ökosystem gebildet hat, wie wir es bei Mac OS oder Windows kennen, mit einem Desktop und standardisierten Schnittstellen für Entwickler auf lange Zeit. Linux hat zwar enorm viele freiwillige und sehr talentierte Helfer, dennoch hindert es insbesondere auch kommerzielle Firmen häufig daran ihre Programme auch unter Linux anzubieten. Sie haben nicht das eine Linux bzw. den einen Desktop, für welchen sie entwickeln können, sondern sie müssen für knapp 1% Marktanteil noch aus einer großen Vielfalt auswählen, die den meisten Erfolg verspricht.

Weitere Probleme aus meinem Standpunkt

Ich würde noch ein wenig weiter gehen und weitere Gründe für die derzeit geringe Verbreitung des Linux-Desktops suchen:

  • immer noch ein nahezu bestehendes Monopol von Microsoft und deren gesamtes Office-Paket

  • mangelnde professionelle und nativ laufende Software (Adobe Creative Suite, Spiele)

  • fehlende Unterstützung eines großen Hardwareherstellers, der Linux standardmäßig gleichwertig neben Windows anbietet

  • bestehendes Vorurteil, dass Linux-Benutzer kein Geld für Software ausgeben möchten

  • verschiedene Aktualisierungszyklen der Distributionen erschweren, einen Standard zu setzen, ab wann eine API veraltet ist, bzw die neue API gilt

  • zu schnelle Aktualisierungen der Distributionen, nur wenige bieten langfristigen Support

  • Inkompatibilität mit verschiedener, insbesondere sehr neuer Hardware (neueste Intel- und AMD- 🇬🇧 Prozessoren, die nur unter Windows 8 laufen sollen, sind hierfür ein gutes Beispiel)

Diese Auswahl klingt bislang recht düster und weckt vielleicht den Anschein, dass ich de Icaza doch Recht geben möchte. Allerdings sehe ich die Zukunft des Linux-Desktops längst nicht so schlecht, wenn ich mir die Lösungsansätze und die derzeitigen Entwicklungen für die Zukunft anschaue.

Ausblick - Chancen für Linux bestehen

Auch wenn es viele traditionelle Linux-Benutzer kritisch sehen (durchaus mit korrekten Argumenten, wie z.B. mangelnde Unterstützung der treuen Community seitens Canonical), mit welchen Ansätzen Canonical Ubuntu vorantreibt, so sehe ich hier die größten Chancen für einen größeren Erfolg im Desktop-Bereich. Um oben bereits aufgeführte Probleme zu lösen wird es nicht ausreichen, dass man einfach weitermacht wie bisher und jeder sein eigenes Süppchen kocht. Daher denke ich, dass Canonical als kommerzielle Firma einen sehr konkreten Plan hat, wie man Ubuntu sowohl für die Unternehmen, aber auch die privaten Nutzer weiterentwickelt, mit entsprechendem Support im Hintergrund.

Normale Benutzer haben kein Interesse daran, sich alle 6, 9 oder vielleicht auch 12 Monate ein neues Hauptrelease zu installieren, die meisten wollen lediglich mit dem System arbeiten. Daher ist der Ansatz der LTS-Versionen sicherlich ein guter Ansatz. Zudem versucht Canonical eng mit Hardwarepartnern zusammenzuarbeiten (egal ob im klassischen Desktop-Markt oder bei ihrem ambitionierten Projekt Ubuntu for Android 🇬🇧 ). Das verschafft dem Benutzer am ehesten ein Erlebnis, wo alles direkt funktioniert und wo er nicht noch tagelang basteln muss, sondern eine Lösung hat die einfach funktioniert und vorinstalliert ist.

Positiv ist außerdem, dass sich mehr und mehr Firmen entscheiden, ihre Programme auf Linux zu portieren. Die aktuellen Beispiele sind Steam für Linux oder Lightworks for Linux.

Im übrigen setzen die meisten hier zunächst auf Ubuntu als erstes Release, da die Firmen hier wohl die größten Marktchancen sehen. Dies könnte also tatsächlich eine erste kleine Wende sein, dass sich Linux auf dem Desktop mehr und mehr durchsetzen kann. Mit größerem Marktanteil und Erfolgen bei den Verkäufen könnten hier weitere Beispiele folgen.

Persönlich hoffe ich einfach darauf, dass sich die Entwickler und Unterstützer von Linux wieder mehr auf einheitliche Standards, Schnittstellen und Bibliotheken konzentrieren würden und Distributionen sich mit den verschiedenen Abspaltungen ihrer Ableger zumindest wieder vereinigen um die größten positiven Effekte für alle zu erzielen. Leider bleibt dies wohl erstmal ein frommer Wunsch, bis es soweit ist sollte man Canonical alles Gute bei Ihren Vorhaben wünschen, auch wenn längst nicht alles richtig ist, was sie zum Teil beschließen.
Ein möglichst homogenes Auftreten bei den Distributionen und Desktop-Umgebungen mit garantierten Schnittstellen und stabiler Weiterentwicklung kann einen größeren Erfolg bringen. Schlussendlich kann es wieder mehr Entwickler motivieren ihre Programme insbesondere auch für Linux zu portieren und eventuell auch damit Geld zu verdienen.

Zu was Linux in der Lage ist, zeigt es bereits im mobilen Bereich mit Android und über 50% Marktanteil. Der Linux-Desktop kann hier mit gemeinsamer Kraft noch viel erreichen, da ich trotz des sehr erfolgreichen mobilen Marktes noch eine längere Zukunft des Desktop PCs sehe. Dass eine kommerzielle Firma im Hintergrund, wie Google mit Android, Canonical mit Ubuntu oder Red Hat eher helfen als gefährden, sollten allerdings auch eingefleischte Gegner der Kommerzialisierung in Bezug auf Linux einsehen.


Vielen Dank an storminator für den eingereichten Artikel