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FLOSS und Frauen – Im Gespräch mit Lydia Pintscher

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Geschlechterspezifische Fragen sind auch im Umfeld von Open-Source-Software immer ein Thema. Von Zeit zu Zeit sogar hier im Forum. Dies haben wir zum Anlass genommen, eine in diesem Umfeld höchst aktive Frau zu einigen Behauptungen zu befragen – ein Interview mit Lydia Pintscher.

Stelle Dich doch bitte erstmal kurz vor.

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Lydia Pintscher

Ich bin Lydia Pintscher und arbeite seit etwa 7 Jahren in verschiedenen Freien Softwareprojekten. Den Großteil meiner Zeit habe ich bisher wohl mit KDE und MediaWiki verbracht. Bei KDE bin ich im Vorstand des KDE e.V., des Vereins, der KDE unterstützt, manage zusammen mit einem kleinen Team die Mentoringprogramme („Google Summer of Code“, „Season of KDE“, „Google Code-in“) und bin Mitglied der „Commmunity Working Group“. Bei MediaWiki mache ich „Commmunity Communication“ für ein großes neues Projekt namens Wikidata.

Du bist unheimlich aktiv im FLOSS-Umfeld. Wie bist Du überhaupt hierzu, also zu FLOSS, gekommen?

Ich habe während meines Informatik-Studiums in Karlsruhe zu Linux und Freier Software gefunden. Irgendwann war ich Windows leid und habe nach Alternativen gesucht und bin am Ende bei Kubuntu gelandet, das mir alles bot, was ich brauchte, und sehr gut gefiel. Über einen Studienkollegen bin ich dann zu Amarok gekommen, habe Promo gemacht und viele tolle Leute kennen gelernt. Im Laufe der Zeit habe ich dann immer neue spannende Aufgaben gefunden.

Gibt es ein Projekt, das Dir besonders am Herzen liegt? Wenn ja, welches ist es – und warum?

Sie liegen mir alle am Herzen, aber aus ganz unterschiedlichen Gründen. KDE liegt mir am Herzen, weil es ein tolles Projekt ist, in dem man unheimlich viel erreichen kann und in dem Leute bereit sind, zu experimentieren und einen lernen zu lassen. Wikipedia liegt mir am Herzen, weil es Zugang zu Wissen ermöglicht wie kaum ein anderes Projekt. „Google Summer of Code“ und ähnliche Programme liegen mir am Herzen, weil sie Leuten zeigen, wozu sie fähig sind und Freie Software und die Commmunity dahinter Leuten nahe bringen, die sonst vielleicht nicht damit in Berührung gekommen wären.

Du hast auch ein Buch geschrieben. „Open Advice“, in dem es um die Besonderheiten von erfolgreichen FLOSS-Projekten geht. Was sind diese Besonderheiten?

Die Grundidee des Buches ist es, verschiedene Menschen aus verschiedenen Projekten und Wirkungsbereichen jeweils zwei bis drei Seiten schreiben zu lassen. Dabei sollte es immer um ein oder zwei konkrete Dinge gehen, die sie gern gewusst hätten, als sie begonnen haben, etwas für Freie Software zu tun. Dabei ist es ein bunter Mix aus sehr interessanten Geschichten geworden, die für jeden interessant sein sollten, der zu einem Projekt beitragen will – aber auch für alle, die das schon tun und mal über den Tellerrand schauen wollen.

Das Besondere an dem Buch ist, dass man es sowohl kostenlos herunterladen 🇬🇧 als auch eine gedruckte Ausgabe kaufen kann. Und wie es sich für ein freies Projekt gehört, gibt es den Quelltext natürlich auch, so dass jeder das Buch verbessern kann.

Oh und übrigens: Ich plane gerade Open Advice 2.

Du bist von uns um ein Interview gebeten worden, weil du eine seltene Eigenschaft im FLOSS-Universum besitzt. Du bist weiblich. Nervt es dich, aufgrund dieser Tatsache angesprochen zu werden?

Hehe. Es kommt drauf an. Es nervt ziemlich, wenn es ausschließlich darum geht und nicht um das, was ich sonst so mache. Gleichzeitig ist es unheimlich wichtig, dieses Thema in der Community zu diskutieren und daran zu arbeiten, mehr Frauen in Freie Software zu bringen. Ich fühle mich da natürlich schon auch ein wenig in der Pflicht und mache das gern. Rollenmodelle sind unheimlich wichtig. Und natürlich geht es bei dem ganzen Thema nicht nur darum, mehr Frauen in Freie Software zu bringen. Es gibt so viele weitere Gruppen, die auch unterrepräsentiert sind und es nicht sein sollten.

Wir möchten Dich bitten, zu ein paar Themen Stellung zu beziehen und deine Meinung zu äußern. Es gab vor einiger Zeit mal ein Thema im Forum zu FLOSS und Frauen. Einige Aussagen sind von dort übernommen worden. Wie siehst du das?

Kommen Frauen anders zu Linux als Männer?

Das ist wirklich schwer zu sagen. Ich habe den Eindruck, dass Frauen viel häufiger über Freunde in ein Projekt kommen als Männer. Eine Sache, die ich zum Glück in letzter Zeit wesentlich seltener beobachte, ist, dass Frauen schnell in die Nicht-Code-Teile des Projekts geschoben werden wenn sie kommen und fragen, was es denn zu tun gibt – auch wenn sie programmieren können.

Gibt es in deinen Projekten Initiativen den Frauenanteil zu erhöhen. Warum wird das gemacht? Was verspricht man sich davon? Und: Sind sie erfolgreich?

Ja. Einer der Schwerpunkte der Wikimedia Foundation ist es aktuell, den Anteil der Editoren zu erhöhen, die unterrepräsentiert sind. Das sind zum Beispiel Frauen in der Wikipedia. Ich glaube, diese Arbeit zeigt Wirkung, braucht aber noch viel Zeit. Hier ist meiner Meinung nach am wichtigsten, dass das Bewusstsein für das Problem und seine Ursachen geschaffen wird, was jetzt passiert.

KDE hat eine Gruppe namens „KDE Women“, in der sich Frauen sammeln, die bei KDE aktiv sind. Da wird zum Beispiel gerade an „Tutorial Sessions“ für den nächsten Ada Lovelace Day 🇬🇧 gearbeitet. KDE als Projekt ist allerdings vergleichsweise gut aufgestellt, was Frauen angeht. (Es geht natürlich immer noch besser.)

Habt ihr analysiert, was die Gründe für den stark unterdurchschnittlichen Frauenanteil an FLOSS sein könnte?

Es gibt sehr viele Gründe dafür. Einige davon liegen bei den Projekten und andere in unserer Gesellschaft. In einigen Projekten herrscht ein Klima vor, das Frauen eher abschreckt. Oft fehlt es an Vorbildern, Rollenmodellen. Es ist schwer für Menschen, „anders“ in einer Gruppe zu sein. Mädchen werden sehr früh weg von Technik gedrängt in der Erziehung und kommen tendenziell später mit Computern in Berührung. Frauen mit Kindern haben wenig der freien Zeit, die sie in einem freien Softwareprojekt brauchen, um als Freiwillige beizutragen. Und dann gibt es natürlich noch Menschen, die ganz gezielt daran arbeiten, Frauen aus Projekten zu vertreiben. Das sind nur einige der Gründe. Seit ich begonnen habe bei Freien Softwareprojekten mitzumachen, hat sich da zum Glück schon einiges getan und es zeigt Wirkung.

Ist der geringe Frauenanteil ein „kulturelles“ Problem? (Zu geekig/nerdig? Zitat aus Kommentaren: „Aber (…) ist der Bereich derart von Männer-Macho-Ichhabedengrößten-getue durchwachsen, dass es für Frauen schwer sein wird, sich hier Gehör zu verschaffen und als Partner akzeptiert zu werden.“ Stimmt das, wird das als allgemeines Problem empfunden?)

Ja, das ist auf jeden Fall eines der Kernprobleme. Wir sollten es uns aber nicht so einfach machen und es nur darauf schieben.

„Die Frauen, die Interesse an Computer (bzw. Linux) haben, sind strikt gegen eine 'Verweiblichung' ihres Männerhobbys.“: Siehst du das auch so?

Ich möchte ein Projekt, dass für jeden zugänglich ist, der einen sinnvollen Beitrag leisten will. Ich will nicht unbedingt, dass wir alles pink machen und mit Herzchen versehen 😉

„Wie ein anderer Nutzer schon sagte, es gibt Unterschiede zwischen Mann und Frau, man sollte sie nur akzeptieren und nicht ignorieren. Und ein nettes, farbenfrohes Design einem OS beizufügen, sollte ja nicht so schwer sein.“: Wäre das für eine bestimmte Zielgruppe ein Weg, den Nutzerinnenanteil von Linux zu erhöhen? Gibt es damit Erfahrungen?

Ja, es gibt zum Beispiel Fluffy Linux 😉. Das war allerdings mehr eine Machbarkeitsstudie für KDE und natürlich hat es eine Menge Spaß gemacht. Wenn es darum geht, Linuxnutzung für Frauen attraktiver zu machen, geht es leider schnell zu Pink und Flausch. Man kann aber so viel mehr in Richtung Design und Usability machen, um Linux attraktiver zu machen, was allen Nutzern zu Gute kommen würde. Da ist sicher auch eine geschlechterspezifische Komponente dabei, aber die ist sehr klein im Vergleich zu dem, was man generell verbessern könnte für alle.

Was ist deine Meinung zu Äußerungen wie:

… was ist denn das wieder für ein erzwungener, peinlicher, verklemmter Ansatz … Als wenn Frauen eine Randgruppe unfähiger, vor dem Aussterben bedrohter Lebewesen wären. Vielleicht wollen sich eben auch nicht allzu viele Frauen sich mit dem Nerdkram auseinandersetzen. … Der vorgeschlagene Ansatz endet dann wieder in For-Women-Only-Veranstaltungen, was dann wieder nichts mit Durchmischung/ Gleichberechtigung zu tun hat.

bzw.

Vermutlich fühlen sich interessierte Frauen dadurch eher abgeschreckt als angezogen. Außerdem sehe ich keinen Bedarf, etwas an der Situation zu ändern; wenn sich nur wenige Frauen für diese Dinge interessieren, dann ist das eben so.“

Man macht es sich sehr einfach mit „Frauen interessieren sich einfach nicht dafür und das ist ok so“ – viel zu einfach. Frauen interessieren sich nicht zufällig nicht für bestimmte Dinge. Das fängt von Klein auf an. Dieser Comic illustriert das ganz nett!

„Ich kann aus meiner Erfahrung von den Anwendertreffen sagen, dass es neuen Frauen leichter fällt, erstmal einen Draht zu mir als „Geschlechtsgenossin“ aufzubauen als zu unseren netten und offenherzigen Jungs.“ Ist dir sowas auch aufgefallen?

Ja, ständig. Sobald eine Frau in einem Projekt ist, wird alles einfacher, da jede Neue nicht mehr die Einzige ist, die „anders“ ist. Es gibt jemand, der ähnliche Erfahrungen wie man selbst macht und es gibt jemanden, an dem man sich orientieren kann.

„Warum sollte man ein bestehendes System ändern, das gut funktioniert, um einer neuen Gruppe den Einstieg zu erleichtern?“

Weil das aktuelle System eben nicht so gut funktioniert, wie es funktionieren könnte. Es nutzen noch immer viel zu wenige Menschen Freie Software und es haben noch immer viel zu wenige Menschen Zugang zu freiem Wissen.

Hast Du ein abschließendes Statement zum Thema FLOSS und Frauen?

Es wird besser – jeden Tag. Jetzt nicht aufgeben!


Wir danken Lydia Pintscher für das Interview!