ubuntuusers.de

🛈 Aktuell gibt es im Wiki ca. 430 Artikel, die nur für Xenial getestet sind. Dies entspricht ca. 5,5 % aller Wikiartikel. Damit diese im nächsten Frühjahr nicht alle archiviert werden müssen, ist eure Mithilfe gefragt!

Ikhaya-Interview mit Mark Shuttleworth

ubuntu_old.png

In einem ausführlichen Interview mit Ikhaya äußert sich Mark Shuttleworth unter anderem zur Zukunft Ubuntus, zu dessen Community und zu Unity.

Einleitung

Mark Shuttleworth ist ein Phänomen: Er ist ein sehr erfolgreicher Unternehmer, war als Weltraumtourist der erste Afrikaner im Weltall („Afronaut“) – und ist in der Linux-Community natürlich vor allem als Gründer und Inhaber von Canonical, der Firma hinter Ubuntu, bekannt.

Mark hat sich auf unsere Anfrage bereiterklärt, Ikhaya ein Interview zu geben. In einem Ikhayaartikel haben wir daraufhin unsere Leser gebeten, uns mögliche Fragen an ihn zu benennen. Diese Fragen haben wir aufbereitet und Ikhayateamintern über sie abgestimmt. Die so etwa fünfzig verbliebenen Fragen wurden dann erneut zusammengefasst und die zwanzig Fragen, die uns am relevantesten erschienen, schließlich per E-Mail verschickt. Ein Link zu der englischen Originalfassung des Interviews findet sich am Ende des Artikels.

Interview

Persönliches

shuttleworth2.jpg
Mark Shuttleworth (2009)
Foto: Benoît Courty
Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0

Ist dein Selbstdarstellungsartikel auf der Ubuntu-Site noch aktuell?

Nun, der Artikel ist sehr alt und ich habe ihn seit langem nicht auf den neusten Stand gebracht. Allerdings stehe ich immer noch zum meisten, was dort steht! ☺

Liest du Blogs über Ubuntu und nimmst du sie ernst?

Ja, ich mag es sehr, verschiedene Meinungen darüber zu erfahren, was wir getan haben und was wir tun sollten. Die Meinungen der Open-Source-Gemeinschaft sind sowohl sehr aufschlussreich als auch sehr eigensinnig. Zwar können wir nicht alles umsetzen, was uns vorgeschlagen wird – auch, da sich viele der Vorschläge komplett widersprechen. Aber: Das Lesen der Kommentare ist trotzdem hilfreich.

Unity

Wie zufrieden bist du mit der Entwicklung von Ubuntu im Allgemeinen und Unity im Speziellen? Woran hapert es noch?

Es gibt noch viel zu tun – ich denke aber, dass wir stolz auf die Leistung sein können, eine vollkommen neue Nutzerschnittstelle für den Linux-Desktop entworfen und geschaffen zu haben. Natürlich ist es schwierig, einen so grundlegenden Wandel durchzuführen. Dies gilt vor allem, wenn die Zahl deiner Nutzer zehnmal so hoch ist wie die der nächstpopulären Distribution – und daher auch eine zehnmal höhere Zahl an Kommentaren anfällt.

Aber wir wissen, dass Veränderungen unvermeidlich sind und wollten darauf mit einer freien und offenen Schnittstelle reagieren, die in der Lage ist, die ganze Bandbreite der Personal-Computing-Plattformen abzudecken: Smartphones, Tablets, Fernsehen und den Desktop. Unity wurde mit dem Ziel entwickelt, dies zu verwirklichen. Daher denke ich, dass es für die Welt der freien Software außerordentlich wichtig ist, dass Unity existiert und dass es so viele Leute gibt, die daran mitwirken, es großartig zu machen.

Wie sieht das allgemeine Feedback zu Unity aus?

Einige Kommentare waren sehr treffend, andere deutlich zu negativ, andere wiederum deutlich zu begeistert – wie es halt so ist.

Für mich gibt es aber einen Punkt, der wirklich bedeutend ist: Wenn wir zehn Entwickler oder zehn Künstler oder zehn zufällig ausgewählte Personen auf der Straße ansprechen und sie anschließend an einen Unity-PC setzen, sind sie an diesem Computer in einer Stunde viel produktiver als dies mit GNOME 2 oder jeder anderen Linux-Desktopumgebung der Fall ist – alt oder neu. Und: Die Produktivitätszahlen sind vergleichbar mit den Topwerten im Geschäftsbereich. Das ist ein riesiger Entwicklungssprung für Linux.

Wir haben noch viele Fehler zu beheben. Dabei bekommen wir Hilfe von einer großen Community, die möchte, dass Unity erfolgreich ist, da sie sieht, wie sehr uns am Desktop und dem Nutzererlebnis für Einzelanwender liegt.

Ubuntu-Derivate

Welchen Hintergrund und was für Auswirkungen haben der Abzug von Jonathan Riddell von der Kubuntu-Entwicklung sowie generell für die Derivate von Ubuntu?

Ubuntu wird mit vielen verschiedenen Desktopumgebungen angeboten – und wir finden das gut. Viele Communities nutzen unsere Infrastruktur, um Derivate zu erstellen, die auf Ubuntu basieren; für mich ist das eine sehr positive Sache. Zwar kostet uns das gutes Geld, es sorgt aber auch dafür, dass Ubuntu für mehr Leute nützlich ist – was ein schönes Gefühl ist!

Ursprünglich sind wir davon ausgegangen, dass Kubuntu nützlich für Firmen sei, die Linux einsetzen wollen. Es hat sich jedoch gezeigt, dass wir die entsprechenden Dienstleistungen nicht auf weltweiter Basis verkaufen konnten: Es gibt andere Firmen, die sich auf regionale Märkte konzentrieren – und damit wohl bessere Leistungen anbieten können.

Wir investieren weiter viel in die Kernbereiche, die Kubuntu ermöglichen, sind aber nicht daran interessiert, es als kommerzielles Produkt anzubieten.

Letztlich ist damit jedem gedient: Wir signalisieren unseren Kunden, dass der von uns unterstützte Desktop Unity ist – und andere Firmen können einspringen und Dienstleistungen für KDE anbieten, ohne dabei Canonical als Wettbewerber ansehen zu müssen.

Ubuntu-Entwicklung

Gibt es eine Möglichkeit, den Bug #1 🇬🇧 zu beseitigen? Welche vorrangigen Ziele sind zu erreichen, um Linux endlich als führenden Desktop auf dem Markt zu etablieren?

Dazu gibt es viel zu sagen! ☺ Unser vorrangiges Ziel ist es, mit Unity für ein fantastisches Nutzererlebnis zu sorgen. Jeder, der den Desktop liebt und Linux helfen will, kann uns dabei unterstützen! Damit wir erfolgreich sind, brauchen wir zumindest eine wirklich großartige Erfolgsgeschichte – und nicht fünf mittelmäßige!

Welchen Einfluss hat die Brainstorm-Website 🇬🇧 auf die Entwicklung von Ubuntu?

Unser „Technical Board“ begutachtet die wichtigsten Beiträge, die sich dort befinden. Und es hilft Leuten, die gleiche oder ähnliche Ideen haben, ihre Einfälle näher zu definieren und fortzuentwickeln.

Allerdings gilt: Die Idee an sich ist nur ein kleiner Schritt auf dem Weg, etwas tatsächlich zu verwirklichen. Ein wichtiger Schritt – aber auch der einfachste.

Ubuntu ist eine „konsultative Meritokratie“: Wir machen top-down diejenigen Leute aus, von denen wir glauben, dass sie bestimmte Entwicklungsschritte am besten leiten können. Dann ziehen wir sie in die engere Auswahl für eine Umfrage unter relevanten Mitgliedern der Community. Es ist also so, dass man für längerfristige, klar definierte Rollen – wie das Teamleitung oder die Verantwortung für wichtige technische oder soziale Bestandteile des Projekts sind – von der Projektleitung ebenso anerkannt sein muss wie von der Community geschätzt. Viele Entscheidungen werden jedoch auf informellen Wegen getroffen – meistens an Ort und Stelle von Leuten, die anwesend sind und sich einbringen. Nicht alle Entscheidungen werden also durch Komitees oder dem „Diktator“ (der – leider, leider – meist gerade damit beschäftigt ist, einen anderen kleinen Teilbereich zu verwalten) getroffen.

Wenn Entscheidungen oder Änderungen getroffen werden, die sich als kontrovers erweisen, benennen wir normalweise eine Person oder ein Team, die sich damit etwas intensiver beschäftigen sollen. Und wenn selbst das nicht dabei hilft, das Problem zu lösen, dann müssen wir eben den extremen Schritt hoch zu „El Presidente“ gehen – also mir. Aber der ganz überwiegende Teil dessen, was verwirklicht wird, wird nur verwirklicht, weil es jemanden gab, der oder die sich um das Problem gekümmert hat und die Arbeit erledigt hat.

Kurz: Wenn einem etwas wichtig ist, muss man andere Leute finden, denen es ebenfalls wichtig ist und die es umsetzen können. Auf diese Weise wird es in Ubuntu normalerweise umgesetzt. Eine Idee auf Brainstorm vorzubringen, kann dabei helfen, Leute zusammenzubringen – aber wenn es nicht gelingt, diese zu überzeugen, wird die Idee nicht verwirklicht werden.

Wie gesagt: unser „Technical Board“ begutachtet die wichtigsten Beiträge und es könnte sein, dass es jemand mit der Verwirklichung der Idee beauftragt, wenn der Beitrag wirklich sehr „hot“ ist und wenn das „Technical Board“ glaubt, dass es sich lohnt, den Beitrag umzusetzen.

Besser ist es jedoch, sich nach Leuten umzuschauen, die bei der Umsetzung der Idee helfen könnten. Manchmal gilt aber einfach: Man kann nicht alles haben. Sollte dies bei einer eigenen Idee so sein, hilft nur, eine Debatte zu entfachen und zu versuchen, uns dafür zu gewinnen, die eigene Idee gegenüber einer anderen zu bevorzugen. Ich muss manchmal über solche Streitfälle entscheiden – und die Entscheidungen kommen dann bei denen, die nicht das erwünschte erhalten haben, nie gut an. Aber dem ist halt so: Für uns ist es wichtig, derartige Entscheidungen zu treffen, da noch niemand eine Kristallkugel erfunden hat, die es erlauben würde, richtige Entscheidungen vorherzusagen. Daher müssen wir uns auf Entscheidungsträger verlassen – zu denen zuletzt auch ich gehöre – um die Entscheidungen zu treffen, die uns als beste erscheinen.

Wie und was fehlt noch, damit Nutzer sagen: Ubuntu ist das einfachste und sicherste Desktop-Betriebssystem?

Es gibt natürlich noch viel zu tun! Ich glaube aber, dass wir in beiden Bereichen nah dran sind! AppArmor ist ein eindrucksvolles und nutzbares Sicherheits-Framework. Der letzte Punkt ist wichtig und sorgt dafür, dass es besser als seine Alternativen ist, da natürlich gilt: Wenn die Nutzer keine Sicherheitsmaßnahmen verwenden, bringt die ganze Arbeit daran nichts.

Unity erreicht in Vergleichstest mit Mac OS X und Windows Spitzenwerte – die Leute verstehen es einfach („get it“), sie sind damit sofort produktiv. Es gibt natürlich auch Leute, die andere Vorlieben haben – und das ist so auch vollkommen in Ordnung. Wir wissen aber, dass wir, was die Usability betrifft, sehr gute Arbeit leisten. Das gilt sowohl für Vielnutzer, die häufig Tastaturkürzel einsetzen, als auch für diejenigen Nutzer, die ihre Benutzeroberfläche klar und einfach haben wollen.

Auf der Ubuntu-Website 🇬🇧 wird in der obersten Ebene nur ein einziges Mal das Stichwort „Linux“ genannt – unter dem Punkt Community 🇬🇧. Welche Rolle wird Linux zukünftig im Konzept von Ubuntu einnehmen beziehungsweise wie viel Linux wird Ubuntu in Zukunft enthalten?

Linux ist der Kernel für Ubuntu und wird das wahrscheinlich immer bleiben.

Zukunft von Ubuntu

Auf welche Zielgruppe soll Ubuntu in Zukunft abzielen? Welche Rolle wird der herkömmliche „Desktopnutzer“ dabei spielen?

Die meisten Ubuntunutzer werden noch eine Weile Desktopnutzer sein, daher gilt: Ja, das ist der Bereich, der uns am Wichtigsten ist. Der Großteil unserer Arbeit wird für den Desktop geleistet.

Unsere Vision beinhaltet allerdings eine größere Gerätepalette. Dies führt auch dazu, dass ein großer Teil der Entwurfsarbeit für den Desktop so angelegt ist, dass die Ergebnisse auch für andere Plattformen nutzbar sind. Das muss aber nicht unbedingt heißen, dass die Desktop-Oberfläche genau der des Ubuntu-Fernsehers, -Smartphones oder -Tablets entsprechen muss. Vielmehr muss jede der Oberflächen den Erfordernissen der einzelnen Plattformen genüge tun: Der Desktop muss ein hervorragender Desktop sein und das Smartphone ein hervorragendes Smartphone. Das Bedürfnis, eine plattformübergreifend einheitliche Oberfläche zu haben, darf nicht dazu führen, Abstriche bei den einzelnen Plattformen zu machen.

Wie sieht es aus mit Partnerschaften mit IT-Anbietern? Gibt es die Zusammenarbeit mit Dell noch?

Wir werden dieses Jahr zusammen mit Dell, HP, Lenovo, Asus und Acer PCs ausliefern. Viele Millionen PCs!

Ubuntu-TV und mobile Geräte

Steht schon fest, welche Hersteller Geräte mit Ubuntu-TV herstellen werden? Wie sieht es in dieser Hinsicht mit Tablets und Smartphones aus?

Wir verhandeln derzeit mit Herstellern von Fernsehgeräten, werden Näheres aber erst bekanntgeben, wenn wir einen Fernseher haben, der ausgeliefert werden kann.

Das gleiche gilt für Tablets und Smartphones.

Wird es durch Ubuntu TV bald möglich sein, sich BlueRay-Discs (mit Kopierschutz) unter Linux anzuschauen?

Vielleicht!

Rolle der Community

Wie soll zukünftig die Rolle der Community aussehen? Wie soll sie integriert werden und wie soll auf Feedback/Kritik reagiert werden beziehungsweise welche Maßnahmen wurden bereits durchgeführt?

Die Community sorgt dafür, dass Ubuntu ein ausgefeilteres, interessanteres Produkt wird und für einen größeren Anwenderkreis nützlich ist. Meiner Meinung nach wissen Mitglieder der Community, dass sie von der ganzen Arbeit Canonicals profitieren können – und helfen dann dabei, Ubuntu noch besser für diejenigen Kreise zu machen, die ihnen wichtig sind. Und die Community sorgt dafür, dass es mehr Spaß macht, bei Canonical an Ubunu zu arbeiten.

Sowohl die Community als auch Canonical profitieren also vom jeweils anderen. Und das unterscheidet Ubuntu von vielen anderen Projekten, bei denen entweder das Produkt von der Arbeit der Community getrennt ist (es ist zwar möglich, Fedora zu entwickeln – nicht aber, RHEL an Freunde weiterzugeben) oder die gar kein Produkt, sondern nur ein Projekt haben.

Gibt es Überlegungen, die nationalen Communities stärker zu integrieren?

Nein, nicht in Canonical! Das würde bedeuten, alle anzustellen – und dafür gibt es viel zu viele! Aber wir lieben es, Personen zu unterstützen, die Ubuntu besser für Freunde, Verwandte und Unternehmen vor Ort machen!

Finanzen von Canonical

Welche Finanzierungsquellen hat Ubuntu derzeit? Schreibt Canonical schwarze Zahlen (oder für wann sind diese geplant)?

Da wir keine börsennotierte Firma sind, veröffentlichen wir keine Umsatzinformationen.

Wie wird es mit Canonical im Allgemeinen und Ubuntu als Betriebssystem für den Desktop im Speziellen weiter gehen, wenn die erwünschte Profitabilität (auch in den nächsten Jahren) ausbleibt?

Es gibt einen Trust, der gewährleistet, dass alle langfristigen Wartungsverpflichtungen für Ubuntuveröffentlichungen erfüllt werden – und dies unabhängig davon, was mit Canonical geschieht.

Ich glaube aber nicht, dass wir ihn jemals in Anspruch nehmen müssen, da Ubuntu immer wichtiger für große Unternehmen wird, die mit Canonical arbeiten wollen, um ihre geschäftlichen Anforderungen zu erfüllen. Wir liefern Werkzeuge und Lösungen für Audits und die IT-Compliance ebenso wie für das Management und die regelgemäße Verwaltung großer Ubuntu-Geräteparks. Das hat zur Folge, dass der kaufmännische Geschäftsführer (CFO) mit Canonical arbeiten will – und der technische Leiter (CTO) sich gerne für Ubuntu entscheidet.


Link: Englische Originalfassung des Interviews/English version of the interview 🇬🇧