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Interview mit Sebastian Kügler von KDE e.V.

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KDE Software Collection 4.4 wirft seine Schatten voraus. Bereits letzte Woche erschien die Beta 1 der Softwaresammlung aus dem Hause KDE. Dies nehmen wir zum Anlass Sebastian Kügler (sebas) zu interviewen.

Sebastian ist Vorstandsmitglied des KDE e.V. 🇬🇧 und Mitglied des Release-Teams. Er studierte an der Radboud University of Nijmegen und ist als Mitglied der Marketing Working Group auch für strategische Entscheidungen des Projektes verantwortlich.

Ikhaya: Hallo Sebastian, stelle Dich doch bitte den Lesern vor.

sebas: Hi! Ich benutze KDE seit ca. 2001 und mache seit ca. 5 Jahren bei KDE mit. Ich bin hauptsächlich im Plasma Team beschäftigt, und arbeite da an den Power Management und Netzwerk Komponenten, sowie an der Integration vom Web in den Desktop. Ich bin auch teils mit Akonadi 🇬🇧 beschäftigt, und arbeite da an der Integration von Emails in den Desktop Workflow.

Im nicht-technischen Bereich bin ich seit ca. 3 Jahren Vorstandsmitglied im KDE e.V., dem Verein der die KDE Community organisatorisch, finanziell und juristisch unterstützt.

Neben diesen Tätigkeiten bin ich auch oft für KDE unterwegs, repräsentiere KDE auf Konferenzen, Meetings und nehme auch gern mal an Coding-Sprints teil. Ich arbeite auch in KDEs Release Team mit, wo ich zusammen mit Dirk (der sich mehr um die technische Seite kümmert) dafür sorge, dass Releases angekündigt werden, und die Benutzer und Presse informiert wird.

Meine Wahlheimat ist Nijmegen in den Niederlanden, wo ich seit ca. 12 Jahren lebe. Ich komme ursprünglich aus Deutschland, vom Niederrhein. Ich arbeite für KDAB, eine Firma die Consultancy, Trainings und Qt-Addons im Bereich Qt und KDE anbietet. Mein Arbeitsplatz ist dabei daheim im Homeoffice, wobei ich ca. 1 Woche im Monat auf Reisen bin.

Ikhaya: Wie bist Du eigentlich zu KDE gekommen? Und woran arbeitest Du gerade?

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Sebastian Kügler (sebas)

sebas: Ich habe ca. 2004 mal einem Entwickler, der mit den Guidance Systemverwaltungstools beschäftigt war, eine Mail geschickt und gefragt, ob ich den Code mal haben könnte. Ich habe das Ganze dann auch auf Debian zum Laufen bekommen. So habe ich PyQt und PyKDE kennengelernt, und somit auch die Qt APIs. Über Simon (ein Australier der vollkommen zufällig auch in Nijmegen wohnt) bin ich dann auch an andere KDEler hier aus der Gegend gekommen. 2005 habe ich an der Akademy in Malaga 🇬🇧 teilgenommen, und bin von da an quasi im Sturzflug weiter in KDE eingetaucht. Vor ein paar Jahren habe ich mir dann auch C++ beigebracht (mit viel Hilfe von KDE Kollegen ☺), so dass ich mittlerweile auch sinnvolle Beiträge in vielen anderen Bereichen von KDE liefern kann.

Konkret habe ich in den letzten Monaten an einigen interessanten Sachen gearbeitet:

  • Networkmanagement in Plasma: Zusammen mit Will Stephenson habe ich an einem Networkmanager Plasmoid gearbeitet, das neue Plasmoid wird hoffentlich Anfang 2010 als erste Version released. Gleichzeitig haben wir knetworkmanager 🇬🇧 gebaut (mit derselben Infrastruktur), was vom Code und vom UI her wesentlich einfacher ist.

  • Power Management: In den letzten Monaten habe ich das Design des Batterie-Widgets überarbeitet. Hier gibt's zwar keine neuen Features, es sieht jetzt aber chiquer aus (OK, das ist Geschmackssache…) und funktioniert besser mit grösseren Schriftarten

  • Silk: Silk 🇬🇧 stellt sich zum Ziel das Web in den Workspace zu integrieren. In KDE Software Compilation 4.4 kommt ein Webslice Plasma-Widget mit, mit dem man Teile von Webseiten auf dem Desktop darstellen kann. Die KRunner Mini-Eingabezeile unterstützt jetzt die direkte Suche in Wikipedia, Wikitravel, KDEs Techbase, und anderen MediaWikis. Wir haben daneben auch noch einen Minibrowser, quasi eine standalone webapplication in Arbeit. Mehr darüber wenn KDE SC 4.4 raus ist. ☺

Im Moment ist Bugfixing angesagt. In den nächsten zwei Monaten arbeiten wir quasi nicht oder kaum an neuen Features, sondern wollen dafür sorgen, dass KDE SC 4.4.0 ein rundes Release wird. Da ziemlich viele neue Features hinzugekommen sind, ist das alleine schon keine leichte Aufgabe. Wir bekommen allerdings viel Hilfe von Testern, so dass wir in der zweiten Beta von KDE SC 4.4 wohl die grössten Probleme die wir noch mit 4.4 Beta1 gesehen haben ausräumen konnten. Wir konzentrieren uns jetzt also erstmal an's Polieren der neuen Sachen.

Ikhaya: Was sind die bedeutendsten Neuigkeiten in 4.4?

sebas: Die wichtigen Neuerungen findet man in mehreren Bereichen, und es sind viel zu viele, um die hier jetzt alle zu erklären. Ich kann da empfehlen, sich mal die Changelogs in den Beta Releaseankündigungen 🇬🇧 anzuschauen.

Einen Bereich möchte ich dann aber doch gern detaillierter erklären, den Semantic Desktop 🇬🇧. Wir haben in den letzten Releases der KDE Software Compilation immer mehr Komponenten zur Integration des Semantischen Desktops erlebt. Was das genau ist, war bisher aber immer recht undeutlich. In KDE SC 4.4 sehen wir dass diese Technologie um deine Daten zu strukturieren jetzt auch in den Anwendungen integriert erscheint. Hierzu gehören so Sachen wie Tagging und Bewertung (die somit zwischen allen Anwendungen geteilt werden), aber auch die Indexierung und Desktopsuche. Eine wichtige Änderung ist hier das neue Virtuosobackend, was Performanceprobleme die wir in den vorigen Versionen hatten so ziemlich komplett löst. Dolphin hat die Desktopsuche dazu jetzt integriert, und es gibt die neue Timeline View die praktisch eine Zeitachse der bearbeiteten Dateien als virtuelles Dateisystem anbietet.

Ikhaya: Für welche Zielgruppe ist 4.4 geeignet

sebas: KDE SC 4.4 ist auf jeden Fall ein vollwertiger und kompletter Desktop. Ich habe keine Bedenken dabei, den auch nicht-Experten vorzusetzen. Ich kann auf jeden Fall jedem nur wärmstens empfehlen, es mal auszuprobieren.

Ikhaya: Wie stehst Du zu die Erweiterungen seitens Canonical in Kubuntu? (z.B. Ayatana 🇬🇧)

sebas: Ich freue mich, dass Canonical sich aktiv für die Verbesserung des Benutzerinterfaces einsetzt. Da ist in den letzten Jahren denke ich zu wenig passiert. Mit KDE 4 hat sich da innerhalb der KDE Community viel geändert, das Bewusstsein für das User Interface hat deutlich zugenommen. KDE wird dadurch zugänglicher für weniger technisch begabte, und gleichzeitig angenehmer zu benutzen für diejenigen, die das Look & Feel anpassen.

Ikhaya: Welches ist Dein Lieblingsfeature bzw. worauf freust Du Dich am meisten?

sebas: Auf funktionierenden Sound. Leider habe ich in den seltensten Fällen hier die Erfahrung, des dies einfach funktioniert. Mein Eindruck ist mehr, dass sich der Stand der Dinge da in den letzten Jahren zurückentwickelt hat. Ich würde mich freuen, wenn dies unter Linux mal einfach funktionieren würde.

Ikhaya: Wie wird es weitergehen? Was ist geplant?

sebas: Zweigleisig, denke ich. Wir haben mittlerweile einen sehr kompletten Desktop, aber polieren kann man ja nie genug. Das heißt, dass wir weiter an Bugfixes arbeiten, und existierende Sachen weiter verbessern werden.

Im Desktopbereich wollen wir uns allerdings auch an den nächsten Schritt wagen. Wir haben da einige Ideeen zur Integration von Virtuellen Arbeitsflächen, Gruppierung von Fenstern und die Erweiterung des Fenstermanagement mit virtuellen Desktop Features. Wir sehen aber auch KDE Software auf mehr und mehr anderen Geräten. In 4.4 liefern wir das erste Release von KDE Plasma Netbook mit, einer Umgebung spezielle für den Einsatz auf Netbooks, und es ist eine mobile Shell in Arbeit, die z.B. auf Apparaten wie dem N900 mit Maemo eingesetzt werden kann.

In KDE SC 4.5 wird, wie's aussieht, auch ein komplett Akonadi-basiertes Kontact mitkommen, das wird KMail und andere Applikationen einen großen Schritt weiterbringen, wenn's um die Integration von persönlich Daten in Applikationen geht.

Ikhaya: Wie kann man sich beteiligen? Wo wird Hilfe benötigt?

sebas: Die beste Art sich zu beteiligen ist dieses "scratch an itch" Phänomen. Wenn einem etwas auffällt, kann man entweder mal im IRC vorbeischauen (#kde-devel auf Freenode zum Beispiel). Was natürlich auch einen guten Anfang bietet, ist Applikationen oder auch komplett KDE SC aus dem SVN heraus zu installieren (Anweisungen gibt's auf TechBase 🇬🇧 ) und sich einfach mal den Quelltext von einem kleinen Programm, das man öfters benutzt, anzuschauen. Von da aus kann man dann mal kleine Änderungen vornehmen und eventuell einen Bug fixen. Man kann sich auch mal auf den Mailinglisten umschauen (news.gmanes.org 🇬🇧 bietet die meisten auch über NNTP an). Es gibt natürlich auch viele Sachen, die man zu KDE beitragen kann, auch wenn man nicht programmiert. Übersetzungen sind da eine sehr sinnvolle Sache (KDE unterstützt jetzt schon weit mehr Sprachen als Windows!), aber auch Promo und Marketing 🇬🇧. Im Moment gerade hilft es viele Teams, auch wenn man etwas Ordnung in den hereinkommenden Bugreports schafft. Die Bugsquad 🇬🇧 ist die richtige Adresse, wenn man gern mit der Stabilisierung helfen will. Kurzum: Es gibt viel zu tun - in allen Bereichen.

Ikhaya: Welche Distribution benutzt Du und warum?

sebas: Ich benutze Kubuntu. Ich komme da aus der Debian Ecke, kenne also die Tools am besten. Für meine Mutter habe ich vor kurzem allerdings openSUSE installiert, ich habe die Erfahrung gemacht, dass bei den Übersetzungen für Kubuntu sehr viele Begriffe fehlen, und es etwas Gefrickel zu sein scheint, alles auf Deutsch umzustellen. Das ist kein neues Problem, und eins dessen sich TimeLord 🇬🇧 hoffentlich annehmen wird.

Ich lese oft, dass Kubuntu so eine schlechte KDE Distribution ist, kann dem aber nicht zustimmen. Selber habe ich nur selten Probleme mit den Packages die angeboten werden, und mir gefällt der halbjährliche Releaserhythmus, quasi im Takt mit KDE SC.

Ikhaya: Ist KDE SC 4.4 dafür geeignet um im kommenden LTS Release „Lucid Lynx“ eingesetzt zu werden?

sebas: Ja.

Ikhaya: Nenne drei Worte die Dir bei „KDE“ einfallen:

sebas: Freedom, Collaboration, Creativity.

Das Interview führte serenity. Vielen Dank dafür!